die mikrodisko nacht am 13.12. und ihr theoretischer hintergrund:





"nicht nein sagen können"

zu der anfrage, etwas zum nicht-nein-sagen-können zu schreiben, nein zu sagen, geht irgendwie nicht recht. kurz dabei verharren und sehen, was man zu diesem nein noch sagen könnte. das wohl irgendwie bekannte am thema drängt sich umso mehr, ganz konkret auf und verlangt, kurz um die mögliche absage zu kreisen. aber was hat denn überhaupt eine absage, etwas zu diesem thema zu schreiben, mit anderen situationen, mit anderem nein-sagen zu tun? gibt es denn etwas allgemeines am nicht-nein-sagen können? ich werde ja von jemandem bestimmten gefragt für einen konkreten anlass. ist es nicht das, wozu ich nicht nein sagen will? was soll das denn mit einem abendessen, einem job, einem urlaub, einer annäherung, dem täglichen aufstehen zu tun haben? was wäre darin das nicht-nein-sagen-können?

eine zuschreibung an die eigene person vielleicht – die eigene inkohärenz zu bejahen?: ich kann schwer nein sagen, weil ich mich nicht als konstant gesetzt bekomme, zu sehr von dem einfluss anderer und meiner umwelt beeinflusst, destabilisiert, verunsichert werde? und warum denn eigentlich "zu sehr"? was ist das problem an dieser inkohärenz der idenität, dem bezweifeln einer richtigkeit und unwandelbarkeit der eigenen position? vielleicht die passivität darin? dass ich nicht nein sagen kann, heisst vielleicht eine unfähigkeit der abgrenzung, der selbstbestimmung, des verhaltens zur welt. des kritischen und klaren verhaltens zur welt, zum anderen.

und die behauptung, ich könnte nicht nein sagen, bittet vielleicht zugleich um die nachfrage des anderen. zeigt an, dass es einen grund hat, dass ich nicht nein sagen kann. die eigene passivität, unsicherheit, das nicht-verhalten-können einen grund hat, der nicht in mir selbst liegt. als kind meiner erfahrung kann das durchaus zum charakterzug erklärt werden, aber eben zu einem, den ich in gewisser weise bedaure, der nicht ganz oder gar nicht gewählt ist. das nicht-nein-sagen-können verweist also immer wieder auf die welt, auf konkretes, und kreist doch seltsam um mich selbst. dass das, wozu ich nicht nein sagen, mich nicht verhalten kann und was mich dazu gebracht hat, es nicht zu können, zu einem problem verdichtet und individualisiert wird. zu meiner persönlichen pathologie oder tugend – je nachdem, wozu ich gerade nicht klar position beziehen kann oder will.

worauf also mit der problematisierung dieses unvermögens verwiesen werden soll, ist ein ganz anderes: vielleicht der gesellschaftliche zwangscharakter, der uns, wie man so sagt, in unserer subjektivierung prägt, und die konkreten dinge, zu denen wir punktuell unfähig werden, position zu beziehen. vielleicht auch genau deswegen unfähig, weil sie immer auf einen kontext oder grund verweisen, der zwar mit schwingt, aber nicht auf die konkrete situation übertragbar ist, in ihr nicht mehr adressierbar ist. sonst würde das bestimmte nicht-nein-sagen-können nur zum repräsentanten eines allgemeinen, auf dessen echo man mit einer allgemeinen unfähigkeit reagiert. aber das ist zugleich überdramatisiert und keiner situation wirklich gerecht, gewissermaßen sinnlos. es geht also weder um ein abstraktes großes ganzes, noch einzig um ein ich.

wäre es also nicht vielleicht sinnvoller, das narrativ umzukehren? ich kann "zu-etwas" nicht nein sagen. geht damit etwas verloren? wenn es nun nicht um das ich, sondern um das etwas geht, zu dem ich mich (nicht) verhalte. geht womöglich meine entschuldigung verloren: dass ich nun einmal mal so bin. und damit die kohärenz, die ich mir gerade damit wieder gesetzt hatte? dass also mein nicht-nein-sagen können auf eine authentizität meiner person bezug nimmt: wenn ich eingestehe, etwas nicht zu können, lege ich die wahrheit über mich offen, kehre meine eingestandene "unfähigkeit" um in eine festschreibung und die forderung an den anderen, mich zu verstehen. ich entziehe mich gewissermaßen der verantwortung für mein (nicht)handeln – man kann sich auf meine gesten und worte nicht verlassen. verlagere die verantwortung auf den anderen, die mich zwar in meiner inkohärenz verstehen möge, biete aber für dieses verständnis keine beständigkeit an, keine basis, auf die ein adäquater bezug möglich wäre.

das schreibt sich unbehaglich. unbehagen über eine argumentation, die die einzelne zur flexibilität ihres verhaltens ruft, gesellschaftliche schranken und leidensdruck gegen eigenverantwortlichkeit tauscht. die formel "nicht können heißt nicht wollen" sagt eben auch: "wenn du willst, kannst du auch." heisst eben auch: "wenn du etwas nicht kannst, hast du nicht genug gewollt, hast es dir allein selbst zuzuschreiben." so kommt auch hier der zirkelschluss auf die behauptung von authentizität, auf die individuelle pathologie. nur eben jetzt keine mehr, die ein emphatisches verhältnis vom gegenüber fordert, sondern als gewaltsame zuschreibung funktioniert und implizit zur distanzierung anmahnt.

die authentizität wird mir also nicht helfen (surprise). und – wenn es darum ging zu fragen, ob sie es ist, dir mir verloren geht, wenn ich vom "etwas" und nicht vom "ich" ausgehe, zu dem ich nicht nein sagen kann – dann kann sie ruhig verloren gehen.

also anders: zu etwas nicht nein sagen zu können, soll zwar konkretisieren, auf die situation bezug nehmen, aber nicht atomisieren oder pathologisieren. ich kann zu etwas bestimmtem nicht nein sagen, aber dies ist freilich teil eines gesamtgesellschaftlichen. meine individuelle reaktion ist durch individuelle erfahrungen geprägt, aber diese wurden mit anderen, gemacht. eine konkretisierung des situativen verhaltens, was ermächtigung bedeuten könnte, ist also stets rückgebunden an erfahrungen in der gesellschaft.

virtuosinnen der freiheit - sind wir nicht. freiheit kann ich hier nur relativ denken. oder im augenblick, dem aber unser abgedroschene freiheitsbegriff nicht gerecht wird – momente eines anderen sind selten so gross und dramatisch, wie es das label "freiheit" will. nun wäre "ohnmacht" freilich ähnlich dramatisch und ungerecht. sie ist nicht nur nicht wünschenswert, sondern auch gewissermaßen unmöglich: mit "freiheit" hat "ohnmacht" gemein, dass sie nur im luftleerem raum bestehen könnte und somit eigentlich keinen sinn macht. sobald ich in relation zur welt/gesellschaft stehe und handle, bin ich weder frei noch ohnmächtig.

oft genug höre ich einen satz, den ich gern affirmiere: ich kann zwar nicht zu etwas ja sagen, aber weiss, wozu ich nein sagen will: ich weiß zwar nicht, was ich will, aber ich weiss, was ich nicht will. nun kann ich freilich diese aussagen genauso gern affirmieren wie die eigenheit, nicht nein sagen zu können.

leerlauf. welches problem war doch gleich gestellt?: worum gehts eigentlich genau? genau: wo habe ich das "etwas" verloren?

das problem mit der beurteilung der konkreten anforderung und dem wissen darum, was man will, ist nicht immer ein schlechtes. schließlich wehrt man sich dagegen, das kommende (aufgaben, anfragen, angebote) auf das erlebte zu reduzieren. neue situationen wecken erinnerungen, assoziationen, aber diese sind immer überdeterminiert und stecken in einer durchaus notwendigen inkohärenz. ein ereignis wiederholt sich nie ganz. und eine situation weckt stets mehr als eine klare erinnerung, zu der ich das erwartete in keinen linearen bezug setzen kann. ich bin kein kontinuum. das kommende, erwartete, erbetene, auf eine erfahrung zu reduzieren, die durch ein klares narrativ eindeutig beurteilt werden kann, wäre die verneinung eines anderen. das um sich selbst kreisen, welches die möglichkeit des besseren und die rolle des anderen (menschen) aus der urteilsfindung streicht. nein-sagen zu etwas heisst also vielleicht auch, eine entscheidung aus erfahrung heraus zu treffen, die das neue etwas gar nicht meint.

nun laviere ich freilich mit dem versuch der ermächtigung innerhalb der unsicherheit, oder auch in der manchmal durchaus begründeten
unfähigkeit zum nein-sagen, doch um die dringliche frage der gewalt herum. sicher, das festschreiben einer situation auf die eigene erfahrung ist auch ein akt ethischer gewalt: an der situation, an dem fragenden, an der eigenen lückenhaftigkeit und undefinierbarkeit.

aber was ist denn, wenn die frage gewalt antut? oder gar nicht gefragt wird? wenn das nein keine legitime antwort wäre, deren schwierigkeit bei der eigenen festlegung und entscheidung liegt, sondern ein akt, dessen legitimität man selbst – spontan und souverän – setzen müsste? und woher dann die souveränität nehmen, die doch durch gewalterfahrung gebrochen sein kann, oder die man sich selbst ver-sagt, weil souveränität das ego, aber nicht die beziehung und den anderen denkt?

wenn also die gewalt nicht im nein-sagen (oder ja-sagen), also im beziehen klarer position, liegt, sondern letzteres eine befreiung von gewalt sein will – aber vielleicht nicht kann. dass sie nicht kann, verweist vielleicht wieder auf ein wahres: dass es fraglich ist, warum das nein eine legitimität der abwehr von gewalt erst setzen soll. nun werde ich doch noch mal allgemein – gerade weil gewalt etwas konkretes und auch sehr vielfältiges bezeichnet. sicher, worte genügen nie ihrem gegenstand, aber bei gewalt und begehren drängt sich die differenz anders auf. sie produzieren einen überschuss und ein polarisieren, obwohl sie so nah bei einander liegen. verweisen gegenteilig zu freiheit und ohnmacht auf relationalität, auf die konkrete beziehung, in der gewalt oder begehren sind. hier also nur eine bestimmte perspektive auf jene bereiche verhandeln, auf die das ja- und nein-sagen und die unsicherheit und ambivalenz viel-leicht am meisten hin drängen.

also bleibe ich mal im "gesellschaftlichen", das nicht zur positionierung und ermächtigung erzieht (das sichere fahrwasser der alten kalauer. aber warum nicht. mal sehen, wohin sie leiten). der raum, der nötig wäre, um tatsächlich jeweils konkret zu entscheiden, ob man etwas will, wird systematisch ausgespart. und weil ich selbst in der struktur werde, die mich zwingt, täglich in tausend kleinen momenten ja zu sagen, statt zu überlegen, bin ich nicht außerhalb dieser routinen, sie passieren mir nicht als davon getrennter, die dazu stets neu position beziehen kann. mein nicht-nein-sagen fällt gar nicht auf, weil niemand gefragt hatte. "komplexitätsreduktion" ist uns freilich auch "entmündigung". keine gelenkte manipulation, sondern subjektivierung, die ich nicht los werde, aber deshalb noch lange nicht unhinterfragt stehen lassen muss. sag alles ab. geh einfach weg. manchmal. aber eben auch nicht die eigene resignation oder (unmögliche) außenposition romantisieren. als überzeichnung kann ich sie schon mal wünschen. um sich dann wieder weder frei noch ohnmächtig noch zu der situativen positionierung, ganz sicher aber mit wohl gewählten gründen zur welt verhalten. und damit auch setzungen machen. doch nun schnell weg von der ratgeberliteratur.

zurück zum anfang. wovon war ich ausgegangen? davon, dass ich nun eigentlich nein sagen wollte, weil ich keine zeit hatte. entgegen dem soeben behaupteten wollte ich also nein sagen, gerade weil ich keine zeit hatte. aber keine zeit bedeutet ja, dass ich vielleicht vergessen habe, an anderer stelle irgendwo nein zu sagen. weil ich nicht gefragt wurde. weil es nicht zur auswahl stand: das hier oder das geregelte, eingeordnete. vielleicht hast du deshalb gesagt: keine zeit gildet nicht. für mich hieß keine zeit noch nicht "keine lust/ich will nicht". wahrscheinlich ist das ganz gut. weil es später oft zum wollen wird – dass wir lust und wollen eben nicht einfach haben, sondern erziehen. mit den prioritäten, die ich setze, mache ich auch mein wollen. man fängt, wenn man nicht aufpasst, vielleicht an den unmöglichsten stellen an, das zu wollen, was man muss. also lieber aufpassen. und zumindest versuchen, dieses machen zu gestalten. sich weder von der macht der anderen noch von der eigenen ohnmacht stumm machen zu lassen.

kann man einen mikrodisko-text mit adorno schließen? – warum nicht? nicht nur, weil jede positionierung zugleich mehr und weniger ist, als eine vorhergehende, sondern auch, weil sie immer mehr und weniger sagt, als das konkrete, das gemeint ist: z.b. eine geste, die ich nach adorno unfreiwillig mit aufführe. die vielleicht als absicherung gelesen wird, und mit der ich mir auch erlaube, das "kleingedruckte" nicht mit auszusprechen.

soviel zum nein-sagen. also: ja. vielleicht zu genau dem hin-und-her, der inkohärenz. nicht als pose freilich, nicht als verweigerung einer verantwortung für mein (nicht)handeln, nicht immer und nicht als ewiges kreisen. manchmal aber als konkrete entscheidung vielleicht.

 

berlin, dezember 2014

 

 

 


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––––––––––––––––––––––––––––––––––––nicht nein sagen können


13.12.2014
MIKRODISKO NACHT IFZ

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sado maso disco floor & mikrotech floor

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